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Wenn es stimmt, weil es stimmt

Ich beschäftige mich künstlerisch mit Bildern, die glaubwürdig erscheinen, obwohl das Dargestellte auf einer bildnerischen Ebene nicht der Wirklichkeit zu entsprechen scheint.

Zwei Räume gehen ineinander über. Perspektiven widersprechen sich. Fotografien unterschiedlicher Orte bilden eine gemeinsame Situation. Unser Blick verbindet, bevor unser Denken widerspricht.

Dabei interessiert mich nicht, eine falsche Wirklichkeit herzustellen. Im Gegenteil: Die Veränderung des fotografisch Vorgefundenen kann etwas sichtbar machen, das in der unveränderten Abbildung verborgen bleibt.

Wirklichkeit und Wahrheit sind nicht dasselbe.

Dieser Unterschied interessiert mich längst nicht mehr nur im Bild.

Denn Plausibilität ist ein grundlegendes Prinzip unserer Wahrnehmung. Wir prüfen nicht permanent alles, was wir sehen, hören oder lesen. Wir ergänzen. Wir ordnen ein. Wir erkennen Muster. Und wir verbinden das Neue mit dem, was wir bereits zu wissen glauben.

Das ist ausgesprochen effizient.

Und ausgesprochen anfällig.

Ein Text über Prokrastination brachte mich kürzlich wieder darauf. Er erklärte, warum manche Menschen Dinge aufschieben. Mit Gehirnscans, präfrontalem Kortex, grauer Masse und erstaunlich präzisen Prozentzahlen.

Es klang wissenschaftlich.

Ein Teil davon hatte tatsächlich wissenschaftliche Anknüpfungspunkte. Andere Aussagen waren unbelegt, übertrieben oder aus Forschungsergebnissen abgeleitet, die das Behauptete gar nicht hergaben.

Trotzdem funktionierte der Text.

Nicht trotz seiner Konstruktion, sondern wegen ihr.

Form erzeugt Glaubwürdigkeit.

Eine Zahl wirkt präziser als eine Behauptung. Ein Fachbegriff kompetenter als Alltagssprache. Ein Foto glaubwürdiger als eine Beschreibung. Eine häufig wiederholte Aussage vertrauter als eine unbekannte.

Aus Vertrautheit wird Plausibilität.
Aus Plausibilität kann Gewissheit werden.

Das betrifft nicht nur zweifelhafte Neurowissenschaft.

Marketing arbeitet damit. Verschwörungserzählungen arbeiten damit. Politische Kommunikation arbeitet damit. Soziale Medien verstärken es. Und generative KI kann plausible Zusammenhänge heute in einer Geschwindigkeit und Qualität herstellen, die neu ist.

Das Problem ist deshalb nicht, dass Bilder und Texte die Wirklichkeit nicht einfach abbilden.

Das haben sie nie getan.

Neu ist die Leichtigkeit, mit der sich Plausibilität herstellen lässt.

In meinen Bildern setze ich reales fotografisches Material in neue Beziehungen. Ich verändere Übergänge, Perspektiven, Wiederholungen und Zusammenhänge. Die Fotografie trägt dabei weiterhin ihren Anspruch auf Wirklichkeitsnähe in sich. Genau das macht sie für mich interessant.

Denn Wahrnehmung fragt zunächst nicht nach Wahrheit.

Sie sucht Zusammenhang.

Und wenn dieser Zusammenhang plausibel genug erscheint, akzeptieren wir ihn.

Für mich liegt darin eine Frage, die weit über Fotografie hinausgeht:

Was bringt uns dazu, etwas für wahr zu halten?

Und unmittelbar danach:

Wann beginnen wir, dem eigenen Eindruck zu widersprechen?

Bilder waren nie die Wirklichkeit.

Aber wir können es uns immer weniger leisten, das zu vergessen.