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Perspektive ist keine Ansichtssache

Perspektive hat einen schlechten Ruf.

Wer sagt, etwas sei „eine Frage der Perspektive“, meint meistens: Man kann es eben so oder so sehen. Jeder hat seine Sicht. Du deine, ich meine, und irgendwo dazwischen wird schon die Wahrheit liegen.

Das ist bequem. Und es verharmlost, was Perspektive eigentlich bedeutet.

Denn eine Perspektive ist nicht einfach eine Meinung.

Sie ist zunächst eine Position.

Ich kann nicht sehen, ohne mich irgendwo zu befinden. Was vor mir liegt, verdeckt etwas anderes. Was nah ist, erscheint groß, was weit entfernt ist, klein. Ich sehe die Vorderseite und nicht die Rückseite. Bewege ich mich, verändert sich das Bild. Die Dinge müssen sich dafür überhaupt nicht verändern.

Das ist so selbstverständlich, dass wir seine Konsequenz leicht übersehen:

Jede Wahrnehmung beginnt mit einer Einschränkung.

Um etwas sehen zu können, muss ich anderes nicht sehen.

Perspektive ist deshalb nicht nur eine Möglichkeit des Sehens. Sie ist seine Bedingung.

Der Trick mit dem Fenster

In der Kunstgeschichte bekommt dieser Gedanke eine besondere Schärfe.

Die Zentralperspektive der Renaissance erscheint uns heute so selbstverständlich, dass wir sie leicht mit einer natürlichen Wiedergabe der Wirklichkeit verwechseln. Ein Bild öffnet sich wie ein Fenster. Linien laufen auf Fluchtpunkte zu. Gegenstände werden mit wachsender Entfernung kleiner. Der Raum scheint sich hinter der Bildfläche fortzusetzen.

Das wirkt richtig.

Aber „wirkt richtig“ ist eine bemerkenswerte Formulierung.

Denn die perspektivische Darstellung ist eine Konstruktion. Sie organisiert die sichtbare Welt von einem bestimmten Standpunkt aus. Dieser Standpunkt gehört einem Betrachter.

Erwin Panofsky bezeichnete die Perspektive deshalb als „symbolische Form“. Die entscheidende Frage ist dann nicht mehr nur, ob eine Darstellung perspektivisch korrekt ist. Interessant wird, welche Vorstellung von Welt sich in einer bestimmten Form der Darstellung ausdrückt.

Das verändert die Sache grundlegend.

Perspektive bildet Wirklichkeit nicht einfach ab.

Sie ordnet sie.

Der unsichtbare Mittelpunkt

Die klassische Zentralperspektive besitzt einen bemerkenswerten Protagonisten, der auf dem Bild selbst gar nicht vorkommen muss:

den Betrachter.

Auf ihn ist die Konstruktion ausgerichtet. Von seiner gedachten Position aus stimmt der Raum. Er ist gewissermaßen der unsichtbare Mittelpunkt des Bildes.

Das gefällt uns Menschen vermutlich ganz gut.

Wir sehen die Welt und halten das Gesehene für die Welt.

Dabei vergessen wir erstaunlich schnell denjenigen, der sie gerade betrachtet.

Uns selbst.

Ich sehe einen Raum und sage: So sieht er aus.

Ich sehe einen Menschen und sage: So ist er.

Ich sehe ein Bild und sage: Das bedeutet es.

Ich sehe eine Situation und sage: So war es.

Dabei müsste vor jedem dieser Sätze ein Zusatz stehen:

Von hier aus.

Von meinem Standort. Mit meiner Erfahrung. Mit meinem Wissen. Mit meinen Erwartungen. In diesem Moment. Unter diesen Bedingungen.

Das macht Wahrnehmung nicht beliebig.

Aber es macht sie abhängig.

Der blinde Fleck jeder Perspektive

Das Interessanteste an einer Perspektive ist deshalb möglicherweise gar nicht das, was sie zeigt.

Sondern das, was sie zwangsläufig verbirgt.

Jede Perspektive erzeugt einen blinden Bereich.

Wer vor einem Haus steht, sieht seine Fassade und nicht seine Rückseite. Wer eine Nachricht liest, kennt ihren Wortlaut und nicht unbedingt ihre Absicht. Wer eine Fotografie betrachtet, sieht, was innerhalb des Bildausschnitts liegt – und nichts von dem, was eine Sekunde vorher, eine Sekunde später oder einen Meter daneben geschehen ist.

Trotzdem vervollständigen wir das Fehlende.

Wir sind darin ausgesprochen gut.

Wahrnehmung liefert Fragmente, unser Denken baut daraus Zusammenhänge. Wir ergänzen, vergleichen, erinnern, erwarten und interpretieren. Aus unvollständigen Informationen entsteht eine Welt, die uns erstaunlich vollständig erscheint.

Das ist eine enorme Leistung.

Und ein Problem.

Denn was plausibel erscheint, muss nicht wahr sein.

Wahrnehmung erzeugt Plausibilität, aber keine Wahrheit.

Das Auge ist kein neutraler Zeuge

Das betrifft die Fotografie in besonderer Weise.

Die Kamera hat lange das Versprechen mit sich herumgetragen, ein neutralerer Beobachter zu sein als der Mensch. Licht fällt durch ein Objektiv auf einen Film oder Sensor. Etwas ist vor der Kamera gewesen und hat eine Spur hinterlassen.

Aber auch eine Kamera hat einen Standort.

Jemand stellt sie dort hin.

Jemand wählt einen Ausschnitt.

Jemand entscheidet über Brennweite, Zeitpunkt, Belichtung und Distanz.

Und selbst wenn niemand diese Entscheidungen bewusst trifft, verschwinden sie dadurch nicht.

Das Foto sagt also nicht nur:

Das war da.